Shibui
Eine Ästhetik jenseits kultureller Grenzen
Shibui hat in der Geschichte Japans über Jahrhunderte hinweg eine Veränderung erfahren. Der Begriff entwickelte sich von einer rein geschmacklichen Beschreibung zu einem der höchsten Ideale der japanischen Ästhetik, das für unaufdringliche Eleganz, tiefe Schlichtheit und reife Zurückhaltung steht. In der japanischen Geschichte lässt sich shibui bis in die Muromachi-Zeit des 14. bis 16. Jahrhunderts zurückverfolgen.
Ursprünglich wurde er für die Beschreibung eines herben, leicht bitteren Geschmacks, vergleichbar mit dem Geschmack einer unreifen Kaki-Frucht oder eines zu lang gezogenen grünen Tees, verwendet. Im Laufe der Zeit erweiterte sich die Bedeutung des Begriffs dahingehend, dass er im positiven Sinne für eine zurückhaltende, zeitlose Schönheit verwendet wird, die sich nicht sofort offenbart. In Alltagsgegenständen zeigt sich diese Haltung als bewusste Reduktion, Einfachheit, Natürlichkeit und Tiefe.
Farben sind gedämpft, Formen klar, Oberflächen oft unregelmäßig. Nichts ist zufällig, nichts überflüssig. Shibui bedeutet nicht Verzicht, sondern Konzentration: auf Form, Material und Funktion. Es geht um Ausgewogenheit und Würde des Materials sowie um Akzeptanz von Alterung und Gebrauchsspuren. Obwohl der Begriff shibui tief in der traditionellen japanischen Ästhetik verwurzelt ist, beschreibt er Eigenschaften, die sich auch auf nichtjapanische Alltags- und Kunstgegenstände übertragen lassen. Daher treten in diesem Themen-Album sowohl historische als auch moderne Objekte aus Japan, China, Korea und Europa in einen gemeinsamen Dialog, um anhand ihrer Erscheinung den Begriff shibui zu erforschen.
Im Museum sind die Objekte vom 12. November 2026 bis 15. August 2027 in der Meet Asian Art-Ausstellung zu sehen.